Ist Mallorca Touristen-müde?

Massentourismus am Strand von Palma de Mallorca

Steht Mallorca
vor dem Kollaps?

Fremdfeindliche Sprüche wie „Ausländer raus“ kennt man vielleicht aus Dresden, aus Annaberg im Erzgebirge oder von AfD-gesteuerten Demonstrationen.

Wer wäre je auf die Idee gekommen, dass die Willkommens-Kultur ausgerechnet auf Mallorca einbrechen könnte?

 

Die Mittelmeerinsel gilt seit 50 Jahren als extrem Urlauber-freundlich.
Zumal alle Bürger vom Tourismus profitieren.
Mehr Tourismus-Geschäfte bedeuten mehr Steuereinnahmen.
Die führen entweder zu Steuerentlastungen für die Bürger Mallorcas.
Oder zu besseren Straßen und Krankenhäusern.

Doch in den letzten Jahren kündigte sich zunächst noch zaghaft ein Wandel an.
Immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch:
So kann es nicht weiter gehen. Das Fass ist am Überlaufen.

 

Mallorca boomt wie nie zuvor
Mit verursacht durch die Flüchtlingskrise in Europa hat die Balearen-Insel –
ähnlich wie Ibiza 
– große Besucherzuwächse zu verzeichnen.
Die Türkei und Nordafrika fallen als sonnige Urlaubsziele vorläufig weg.
Hotelbetten und Fincas auf Malle sind voll ausgelastet.
Eigentlich müsste man durch die jüngsten Entwicklungen neue Ferienwohnungen schaffen.

Jedes Jahr schlagen die Buchungszahlen auf Mallorca neue Rekorde.
In 2015 waren es 14 Millionen aus ganz Europa, die nach Malle kamen.
Das war noch halbwegs normal.

Im Jahr 2016 hatte die Sonneninsel einen kräftigen Buchungsaufschwung
von 10 Prozent zu verkraften. Ein Jahr später sind es noch viele mehr,
die ihren Urlaub am Ballermann verbringen wollen.
Eine Spirale ohne Ende, wie es scheint.

Das bringt so manchen Einheimischen auf die Palme:
Was nutzt uns aller Wohlstand, wenn unsere Heimat vor die Hunde geht?
Wenn Umwelt und Wasser verdreckt werden.
Wenn wir im Müll ersticken. Wenn die Mieten steigen wie verrückt.

 

Protest in der Öffentlichkeit und in sozialen Netzwerken Mallorcas
Viele Spanier finden, das Touristen-Wachstum sei an seine Grenzen gestoßen.
Noch mehr Urlauber kann Malle unmöglich aufnehmen.
In einer Internet-Zeitung heißt es: das Boot ist voll.
Unsere schöne Insel platzt aus allen Nähten. Wir wollen das nicht mehr.

Dabei ist es nicht nur die pure Anzahl der Reisenden,
welche den Einheimischen Kopfschmerzen bereitet.
Genauso schlimm ist das Verhalten der Urlauber in der Öffentlichkeit.

Vor allem die Billig- und Sauftouristen von Palma de Mallorca verwandeln Malle
vom Urlaubsparadies in einen Slum. Der „Abschaum“ grölt die Nächte durch.
So dass kein Mensch Schlaf findet.
Sie verprügeln sich gegenseitig oder harmlose Passanten.

Sie pinkeln an Hauswände.
Sie verwandeln die Straßen und Strände in einen einzigen Müllplatz.
Überall liegen Bierdosen, Tuben, Becher, Wasserflaschen und Fäkalien herum.
Im Bierrausch kotzen sie alles voll und belästigen spanische Mädchen.
Die Umweltschützer raufen sich die Haare.
Menorca und Ibiza sind dagegen viel zivilisierter und sauberer als Mallorca.

Sogar der regulär entsorgte Müll droht das Grundwasser zu verseuchen.
Die Verbrennungsmaschinen und die Wasserklärwerke
kommen in der Hochsaison nicht nach.

Dazu kommt das wachsende Verkehrsproblem.
Je mehr Urlauber nach Mallorca kommen, desto mehr Mietwagen überlasten die Straßen
und Parkplätze. Vor allem in den Badeorten Port de Sóller,
Es Trenc, Alcúdia, Cala Millor und S’Arenal.
Aber auch im Hinterland wird es für Bauern, Radfahrer
und Spaziergänger zunehmend ungemütlich.

 

Mallorca vor dem Ausverkauf
Mittlerweise sind es nicht mehr nur einzelne Proteste.
Auf Malle bilden sich schon im Jahr 2016 organisierte Bürgerinitiativen.
Mit dem Ziel, den Tourismus auf der Insel auf ein Normalmaß zu reduzieren.

Dabei kommt noch ein ganz anderes Problem ins Spiel.
In Palma de Mallorca werden mit der Zeit immer mehr Einheimische
aus ihren Wohnungen vertrieben oder heraus geekelt.
Vor allem in der Altstadt von Palma spitzt sich die Lage zu.

Die Touristenflegel vandalieren nach Lust und Laune.
Sie besprühen Fenster und Fassaden mit Graffity.
Sie beschädigen Haustüren. Überall stinkt es erbärmlich.
Die Polizei hat keine Chance, diesem Massentreiben Einhalt zu gebieten.
Nur vereinzelte Täter werden gefasst.

Fast noch schlimmer als diese Unsitten ist das neo-kapitalistische Spekulantentum
in Palma de Mallorca. Da die Hotels auf Mallorca in den letzten Jahren komplett ausgebucht
waren, wittern Geldhaie das große Geschäft.

Profitgierige ausländische Online-Vermieter kaufen von den Wohnungsvermietern
immer mehr Immobilien in guter Lage zusammen.
Ein Buchungsportal, dessen Namen ich hier nicht nennen möchte,
tut sich dabei als besonders fleißig hervor.

Nach dem Kauf werden die Wohnungen notdürftig renoviert – wenn überhaupt.
Dann werden die ehemals von Mallorquinern bewohnten Apartments
als Ferienwohnungen an Deutsche und Engländer vermietet.

Steigende Mieten in diesem Sektor erhöhen das Mietniveau in Palma de Mallorca insgesamt.
Ungefähr 8 Prozent sind es pro Jahr.
Einheimische Mieter bekommen auch in ihren neuen Wohnungen –
sofern sie welche finden – Zahlungsprobleme.
Sie müssen sich eine noch billigere Bleibe suchen.
Junge spanische Erwachsene und Pärchen finden keine bezahlbare Wohnung.
Notgedrungen bleiben sie bei den Eltern.

Auf der Strecke bleibt der einfach Mann in Mallorca sowie die kleinen Läden.
Im Geschäftsbereich läuft das Spiel genauso widerwärtig spekulativ ab
wie bei den Mietwohnungen.

Jahre oder Jahrzehnte lang hat Señor Garcia
am Plaça Major oder in Santa Catalina gewohnt.
Nun wird er aus seinem geliebten Heim vertrieben.

So ist es leicht verständlich, dass sich Hass gegen Touristen und alles Fremdartige
zusammen braut. Nicht nur in Palma. Sondern in allen Touristenorten an der Küste.
Dort sind ähnliche Tendenzen zu beobachten.

 

Was sagt die Regierung von Mallorca
Die Politik spielte die Proteste der Bevölkerung bislang immer herunter.
Sie war der Ansicht, Malle braucht jeden einzelnen Touristen.
Je mehr desto besser. Sie kurbeln die Wirtschaft an.
Hotels und Geschäfte verdienen gutes Geld durch ausländische Urlauber.

Viele Arbeitsplätze hängen am Tourismus.
Allein von Obstanbau und schönem Wetter kann Mallorca nicht leben.
Man befürchtet, die Touristen kämen nicht wieder,
wenn man sie in ihren Freiheiten einengen würden.
Oder wenn man die Preise bewusst anheben würde.

Doch unter dem Druck der Öffentlichkeit und mit den Erfahrungen von 2016 findet auch
beim Bürgermeister von Palma scheinbar ein Umdenkungsprozess statt.
Vielleicht ist er besorgt um seine Wiederwahl.
Vielleicht liegt ihm aber auch das Wohl seiner Stadt am Herzen.
Denn wie die Situation in den letzten Jahren eskaliert ist:
Das kann auch dem Bürgermeister nicht gefallen.

Die Polizei soll aufgestockt werden, um die Rowdies in den Griff zu bekommen.
Wer beim Randalieren oder Versauen erwischt wird, muss bestraft werden.
Seit 2017 wird schärfer gegen Immobilien-Spekulanten aus dem Internet vorgegangen.
Ob das ausreicht, die Misere nachhaltig zu beseitigen, wird man sehen.

 

Wie geht es weiter mit dem Mallorca-Tourismus?
Warum hat ausgerechnet Malle diese Probleme?
Das Grundübel muss wohl im Billig-Tourismus liegen.
Beim Buchen einer Reise schaut das junge Touristenvolk in erster Linie
auf die Preise für Flug, Hotel, Finca und Ferienwohnung.
Erst danach kommen Kriterien wie Meerblick, Hotelpool und Strandnähe.

Diese Tatsache muss man auf die Agenda setzen,
wenn man die Schönheit Mallorcas erhalten will.
Wenn man einer möglichen Auswanderungswelle aufs spanische Festland
zuvor kommen will. Und einem Wegbleiben der „sauberen“ Touristen.
Die Buchungspreise werden steigen müssen. Vielleicht auch die Flugkosten.

Möglicherweise durch eine reale Umweltpauschale.
Deutlich mehr jedenfalls als die aktuellen 2 Euro pro Urlaubstag.
Alle Touristen werden dafür zahlen müssen, was sie Mallorca aus Dummheit,
Ignoranz, Fahrlässigkeit oder Gleichgültigkeit antun.
Damit die Inselverwaltung Säuberungs- und Umweltprobleme finanzieren kann.

Beim Balanceakt zwischen Massentourismus/ Wohlstand auf der einen Seite.
Und Umwelt/ Sauberkeit/ Wasser-Ressourcen auf der anderen Seite,
wird sich die Gewichtung in Richtung Lebensqualität verschieben müssen.
Damit man auch in 10 Jahren noch sagen kann: Mallorca ist eine Reise wert.

 


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