Flüchtlingskrise killt ägäische Urlaubsinseln

Flüchtlingsdrama in der Ägäis

Kos, Lesbos, Chios, Rhodos, Samos, Leros. Seit Monaten stehen die ägäischen Inseln
vor der türkischen Küste im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit.
Denn hier stranden Tausende Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Irak.

In der Hoffnung, in das gelobte Land zu kommen: nach Deutschland.
Auch die türkischen Küstenstädte Bodrum und Izmir quellen über vor Flüchtlingen,
die Terror und Krieg aus der Heimat vertrieben haben.

Doch welche Folgen hat das für die Touristenorte auf den ägäischen Inseln?
Welche Auswirkungen hat die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel und Präsident Erdogan?
Steht ein neuer Sturm bevor?

Hier ein Zeitfenster über die Entwicklung der letzten 12 Monate.
Doch zuvor noch ein Blick auf die aktuelle Lage.

 

Ost-Ägäis, August 2016:
Flüchtlingsstrom aus Türkei nimmt wieder zu
Trotz Traumwetter und Sonne satt sind die Badestrände im agäischen Meer wie ausgestorben.
Geschäfte, Strandbars, Eis- und Imbissbuden haben geschlossen.
Oder sind bereits Bankrott gegangen. Hotels laufen im Stand by-Modus.
Die Ursache für die Flaute liegt bei den Flüchtlingen aus Nahost.

Zwar gibt es nicht mehr so viele wie im Frühling.
Aber solange das Problem nicht endgültig geklärt ist, werden sonnenhungrige Europäer
die Ferien lieber an den Küsten von Spanien
, in Italien
oder auf den Kanarischen Inseln verbringen.

Nach dem Schließen der Balkanroute (Februar) und dem Flüchtlingsabkommen
mit der Türkei (März), dachten viele Fluglinien und Hotelbesitzer auf Lesbos,
Samos und Kos schon, man sei über den Berg.
Migranten, die nach dem 20. März ankamen,  wurden aufs türkische Festland zurückgebracht.
Bei den restlichen sollte ein Asylverfahren klären,
ob sie berechtigt seien, nach Europa weiter zu reisen.
Ein Hoffnungsschimmer für die tourismus-abhänigen Urlaubsinseln.

Doch dann kommt die Wende. Anfang August wird Erdogans Kontrollnetz grobmaschiger.
Schleuser können wieder freier agieren.
Es kommen doppelt so viele Flüchtlinge zu den Inseln als einen Monat zuvor.

Das kann kein Zufall sein. Es riecht nach Erpressung der EU.
Laut FAZ will Erdogan bis Oktober die Visafreiheit durchdrücken.
Andernfalls lässt er die Migranten aus Syrien wieder frei in Richtung Griechenland passieren.

Bange Fragen tauchen auf:
Was wird aus Europa, wenn es wieder los geht mit der Völkerwanderung?
Wenn die Türkei das Abkommen mit der EU für Null und nichtig erklärt,
weil türkische Staatsbürger keine Visumfreiheit für Deutschland bekommen.

Was wird sein, wenn Erdogan finanzielle Unterstützung aus Russland erhält?
Die nicht gekoppelt ist an die Einhaltung von Menschenrechten.
Wenn er auf die paar Milliarden aus Brüssel pfeift.

Was ist, wenn Griechenland erneut die Hauptlast des Flüchtlingsstroms tragen muss?
Wenn auch der Druck auf die Grenzen der Balkanländer wieder zunimmt.
Wird unsere Politik dann wieder konzeptlos da stehen?

 

Griechische Urlaubsinseln ohne Flüchtlinge
Wer profitiert von von Problemen in der Ägäis

 

Beginn der Flüchtlingskrise (Sommer 2015)
Drehen wir die Zeit um 12 Monate zurück.
Wie kam es eigentlich zu dieser dramatischen Entwicklung?
Der Arabische Frühling ist in vielen Staaten gescheitert.
Eine fortschrittlich-islamische Jugend sieht keine Zukunft mehr in rückständigen Ländern.

Dazu kommt der schreckliche Bürgerkrieg in Syrien.
Die Freiheitsbewegung der Opposition wird niedergemetzelt. Die Häuser sind zerstört.
So bilden sich schon ab 2014 immer mehr Flüchtlingsgruppen,
die sich in Richtung Europa auf den Weg machen.
Über die Türkei und Griechenland. Oder über das Mittelmeer: von Nordafrika nach Italien.

Zu einer Flüchtlingskrise in diesem Ausmaß wäre es dennoch nicht gekommen.
Hätte nicht Bundeskanzlerin Angela Merkel in der berüchtigten Rede („Wir schaffen das“)
am 31.8. die Schengen-Grenzen praktisch geöffnet.
Es klingt wie eine Einladung für Flüchtlinge, nach Deutschland zu kommen.
Dieses Versprechen spricht sich schnell herum in der arabischen Welt.
Die Schleusen für Flüchtlinge sind nun geöffnet.

Was bedeutet das für die Tourismusbranche im ägäischen Raum?
Die Urlauber sehen natürlich, was los ist.
Immer mehr dunkelbraune und schwarze Menschen hängen am Strand herum.
Denn Hotelzimmer gibt es nicht genug. Außerdem haben viele nicht genug Geld dabei.
Auf der Insel Kos kommen im August 2015 pro Tag ca. 500 Flüchtlinge an.
Ende des Monats sind es mehr als 20.000, die das kleine Eiland übervölkern.

Die Urlauber fühlen sich belästigt, beobachtet, einfach unwohl.
Langsam bekommt man es mit der Angst zu tun.
Immer mehr Leichen mit orangenen Rettungswesten und Schlauchboote werden an die Ufer
von Rhodos, Chios und Samos geschwemmt. Viele Badeurlauber reisen vorzeitig ab.
Andere stornieren eine schon gebuchte Reise zu den griechischen Inseln.

Schon im Spätsommer verzeichnen Reiseveranstalter Umsatzrückgänge von 40 Prozent
gegenüber 2014. Schon jetzt zeichnet sich das Bild einer Tourismus-Krise ab,
die 6 Monate später voll durchschlagen wird.

 

Flüchtlingskrise bis Februar 2016
Das Heer der Flüchtlinge über den Balkan wird im Herbst immer größer.
Täglich passieren tausende Frauen, Männer und Kinder Mazedonien, Serbien,
Ungarn und Österreich. Bis sie schließlich nach Deutschland kommen.
In das Paradies, wo Milch und Honig fließen.

Warum ist eigentlich ein Land mit so kühlem Wetter wie die BRD so attraktiv für Flüchtlinge?
Wo sie zudem gleich im CSU-regierten Bayern so viel Ausländerfeindlichkeit erfahren.
Noch nicht einmal in Österreich wollen die Migranten bleiben.
Das sonnige Kroatien könnte für jemand, der aus einem zerstörten Bürgerkriegsland
wie Syrien kommt, eine schöne neue Heimat sein.
Warum muss es ausgerechnet Deutschland sein?

Das Wort „Wirtschaftsflüchtlinge“ macht die Runde.
Wird den Tatsachen aber wohl nicht ganz gerecht.
Denn wir alle wissen nicht, wie es ist, zu hungern. Haus und Hof zu verlieren.
Bombardiert und von Killerkommandos gefoltert zu werden.

Im Herbst fangen Serbien, Ungarn und Kroatien an, ihre Grenzen durch Stacheldraht abzusichern.
Aber auch das hindert Flüchtlinge nicht wirklich daran, weiter zu wandern.

Die Urlaubsinseln in der Ägäis stöhnen unter der Last der Einwanderer.
Die Reisebuchungen gehen im Vergleich zum Vorjahrszeitraum um mehr als 80 Prozent zurück.
Touristen wollen sich am Wasser entspannen und Spaß haben.
Keiner will das Flüchtlingselend und die Müllhaufen direkt vor sich sehen.
Die Migranten haben nicht genug zu essen.
Sie fangen an zu betteln oder die Inselbewohner zu bestehlen.

Normalerweise setzt nach Weihnachten in Reisebüros ein Boom auf Sommerreisen an.
In diesem Jahr ist alles anders.
Durch die Angst vor Terroranschlägen
zögern viele Menschen mit der Reiseentscheidung.
Als sich Ausgangs Winter noch immer keine Entspannung in der Ägäis abzeichnet,
buchen die Leute nun Urlaub in sichere Regionen wie Spanien, Italien,
Fuerteventura, Ibiza oder an die kroatische Adria.

Für die Palmenstrände von Lesbos, Leros, Chios und Kos ist der Zug
für die Saison 2016 scheinbar schon abgefahren.
Auch für die türkischen Küstenorte Izmir, Bodrum, Marmaris und Cesme.
Bleibt zu diesem Zeitpunkt noch die schwache Hoffnung auf Last Minute Geschäfte
im Frühsommer. Aber auch die wird sich nicht erfüllen.

 

Scheinlösung: EU-Pakt mit Türkei (März 2016)
Unter politischem Druck in Deutschland und in der eigenen Partei muss Kanzlerin Merkel
im Februar einsehen: das „Wir schaffen das“ war eine Illusion.
Eine Einbildung aus einer Traumwelt.
Denn der Strom der Migranten reißt auch im Winter nicht ab. Es ist ein Fass ohne Boden.

Die Freizügigkeit der Flüchtlingspolitik ist gescheitert.
Angela Merkel konnte noch nicht mal die reicheren EU-Mitglieder dazu bringen,
genügend Flüchtlinge aufzunehmen. Geschweige denn Polen, Tschechien und Lettland.
So liegt die ganze Last der Flüchtlingskrise auf Deutschland. Österreich schottet sich ab.
Angesichts der Lage am Ärmelkanal wird die Brexit-Bewegung in Großbritannien immer stärker.

Es muss endlich etwas geschehen. Man fängt schon an, an Merkels Stuhl zu sägen.
Die Stimmung in der deutschen Bevölkerung ist spätestens seit der Silvesternacht in Köln gekippt.
Hilflosigkeit, Angst und Ausländerhass machen sich breit.
Die Rechtspartei AfD erzielt alarmierende Wahlerfolge.
Hitlerparolen kursieren in Ostdeutschland. Tomaten fliegen gegen Politiker.

Anfang März kommt die rettende Idee. Die EU vereinbart mit Präsident Erdogan,
dass die Türkei gegen finanzielle Zuwendungen Flüchtlinge aus der Ägäis übernimmt.
Vorläufig werden diese in Lagern an der syrischen Grenze leben.
Zurück bleiben nur die Migranten, die schon vor dem 20.3. auf die Inseln gekommen sind.
Menschen, die auf ein Asylverfahren warten.

Mit diesen Maßnahmen soll der Zustrom in Richtung Griechenland und Europa eingedämmt
werden. Außerdem soll ein abschreckendes Signal an Menschen in Syrien und Afrika
gesendet werden: Bleibt zu Hause, Leute. Auswandern lohnt sich nicht mehr.

Das Flüchtlingslager Idomeni an der Grenze Griechenland/ Mazedonien wird Ende Mai aufgelöst.
Alle sollen zurück in die Türkei. Doch viele fliehen. Versuchen auf eigene Faust,
über die Grenze nach Mazedonien oder Bulgarien zu gelangen.

Für die Touristen-Geschäfte auf den Urlaubsinseln der Ägäis bedeutet das ein Aufatmen.
Auch wenn noch tausende Flüchtlinge aus Syrien und Irak in den Flüchtlingslagern der Inseln
zurück bleiben. Ein trügerisches Glücksgefühl, wie sich herausstellen wird.

Wenn doch nur die Urlauber wieder kämen.
Aber sie kommen ganz und gar nicht. Es ist vorbei.
Trotz Billigangeboten fahren sie lieber ins westliche Mittelmeer,
zu den Kanaren, an die Cote d’Azur oder nach Kuba.

 

Scheitern des Flüchtlings-Paktes in Sicht
Das Abkommen zwischen der Türkei und der EU hält am Anfang ganz gut.
Just bis zu dem Zeitpunkt, als Kanzlerin Merkel Ende Mai 2016 eine geniale Eingebung hat.
Sie klagt die Türkei an wegen Verbrechen, die über 100 Jahre zurück liegen.
Es ist wohl korrekt, was sie da sagt. Aber es zeugt von einer Instinktlosigkeit sondergleichen.
Das Wort Dummheit möchte man nicht gern in den Mund nehmen.

Einen ungünstigeren Zeitpunkt für die Völkermord-Anklage hätte sie nicht wählen können.
Wo sie doch wusste, wie dünn das Eis ist, auf dem sich die EU mit dem Flüchtlings-Deal bewegt.

Warum ist ihr das gerade jetzt eingefallen? Warum nicht 2 Jahre früher?
Warum fällt es ausgerechnet einer deutschen Regierungschefin ein?
Wo wir doch an der eigenen Geschichte zu knabbern haben.

In dieser Zeit nimmt die Zahl der Flüchtlinge auf den Urlaubsinseln leicht ab.
Doch es sind zu wenige, die in die Türkei zurückgeführt werden.
Immer noch lungern tausende an den Stränden der Ägäis herum.

Nach wie vor werden in Europa Elendsbilder am Fernsehen gesendet.
Das schreckt potentielle Urlauber ab. Buchungen bleiben aus.
Wenn schon Griechenland, dann lieber nach Kreta, Korfu oder auf die Kykladen reisen,
als auf die unsicher erscheinenden Inseln der Ägäis.

Zudem läuft die Umsiedlung in die Türkei im Schneckentempo ab.
Die griechische Bürokratie auf den Inseln ist zu klein und schlecht ausgerüstet.
Es dauert alles zu lange. Trotz Küstenkontrollen an der türkischen Küste kommen immer noch
fast genau so viele Flüchtlinge auf die Inseln wie im Gegenzug zurück geführt werden.

 

Ruhe vor dem Sturm
Der Militärputsch gegen Erdogan im Sommer verschlechtert die Situation.
Der Präsident reagiert mit radikalen Säuberungen,
die jedem Rechtsempfinden widersprechen. So sieht also die türkische Demokratie aus.
Damit ist die Tür zur Abschaffung der Visapflicht für Deutschland vielleicht endgültig
zugeschlagen. Und auch für die Mitgliedschaft der Türkei zur EU.

Erdogan richtet seinen Blick in Richtung Russland.
Mit dem Besuch bei Putin und einem Wirtschaftsabkommen will er sich unabhängig machen
von Geldern aus Brüssel. Vielleicht kann es ihm nun egal sein,
ob wieder mehr Flüchtlinge in Richtung Griechenland fahren.
Er könnte das Abkommen mit der EU brechen.
Für den Tourismus auf den Ägäis-Inseln bahnt sich neues Unheil an.

 


Für diesen Beitrag sind die Kommentare geschlossen.